Let’s Stuck together
21. April 2017
00 Uhr

Mein München wird ja oft despektierlich als Millionendorf bezeichnet, dabei ist es eine Hauptstadt. Nicht bloß die des Landes Bayern, was vernachlässigenswert wäre, nein, es ist die Hauptstadt der heimlichen und unheimlichen Orte. Touristen kommen hierher und gehen ins Hofbräuhaus, nach Nymphenburg oder in die Pinakotheken. Man glaubt, man ist in einer sittlichen, fröhlichen und alles in allem eher konservativen Stadt.

Aber München war auch immer ein Moloch, der sich bloß Uneingeweihten nicht als solcher offenbarte. Da wäre der Schellingsalon, eine verlotterte Großkneipe in Schwabing, wo Lenin Stammgast war wie auch Hitler und ihre kommenden Fürchterlichkeiten bei alkoholischen Getränken, die sie nicht bezahlen konnten, überlegten.

Wenn man da heute hingeht, um Billard zu spielen, dann fühlt man den Spuk vergangener Zeiten noch in den Mauern hängen.

Im Gärtnerplatzviertel gibt auch noch so verrottete Schwulenkneipen, wo einzigste Publikumslieblinge wie der Schneider Moskauer oder der Volksschauspieler Sedlmayer – im wahrsten Sinne – verkehrten, und ihr Leben als Mordopfer verwirkten.

Oder die Staatsoper – wo statistisch überraschend viele Stardirigenten während großer Opern tot in den Orchestergraben plumpsten.

Die Wohnung eines berühmten italienischen Maestros der 1989 während er den „Barbier von Sevilla“ dirigierte, umfiel, gibt es immer noch in Bogenhausen, seine Möbel und seine Plattensammlung stehen immer noch da – unberührt.

Das schönste und finsterste ist für mich aber die Villa Stuck. Der Jugenstilmeister Franz von Stuck erbaute sich 100 Meter von der Wohnung des Dirigenten, 300 Meter von Hitlers Wohnung und 500 Meter von meiner eigenen entfernt ein gigantisches Haus.

Es strahlt eine wunderschöne Finsternis aus, in allen Ecken lauern Medusen und irre Blicke. Alles in dunklem Holz, schwere Vorhänge, Sphinxen schützen diese Welt mit misstrauischer Miene vor dem Wochenendtourist.

Als mein liebster Concept Store mich bat, ein paar Motive für sie zu inszenieren, entschied ich mich auf das eine Accessoire zurückzugreifen, das jeder einzelne ihrer Kunden ganz sicher mit nimmt: die Einkaufstüte.

Ansonsten trugen Sophie, die mich begleitete, und ich jenes Kleidungsstück, das auch Meister Stuck an seinen Figuren am allermeisten inspirierte: unsere derma, die cutis – die reine herrliche nackte Haut.

Im obersten Stock der Villa hängt übrigens Stucks berühmtestes Werk. es heißt: Die Sünde.