How to win your game
15. August 2017
14 Uhr

Wotan Wilke Möhring ist so ein Typ, mit dem jeder gerne befreundet sein möchte. Mit seiner
persönlichen Geschichte vom überzeugten Punk und Hausbesetzer bis zum erfolgreichen
Schauspieler mit einer Leidenschaft für die Musik zeigt er, wie sein langer Weg zum Erfolg von Kontrasten, Hürden und besonders Freundschaften geprägt ist.

Ich denke mir, wir beide hätten jedenfalls einiges gemeinsam – die Liebe zum Reisen, das
Clubbesitzer-Sein, die schleißige Modelkarriere, nur mit der Bundeswehr konnte ich nicht so viel anfangen wie er.

Aber das ist alles Grund genug, um mal über Freundschaft zu sprechen.

Supertramp: Lieber Wotan, das Thema Freundschaft spielt in einigen deiner Filme eine besondere Rolle. Du bist auch so ein Typ, mit dem man gerne befreundet wäre. Was bedeutet dir Freundschaft privat?

Wotan: Wenn ich drei Dinge nennen müsste, die im Leben besonders wichtig sind, dann wäre Freundschaft eines davon. Eine gute Freundschaft verzeiht alles, hält alles aus. In einer guten Freundschaft nimmt und gibt man gleichzeitig, fast wie in einer Beziehung. Manchmal hält die Freundschaft nur länger.

Sollten gute Kumpel miteinander streiten?
Zu einer guten Freundschaft gehört natürlich auch, sich zu streiten, sogar doll zu streiten,
denn es geht ja um etwas: um diese Freundschaft. So wie man sich aufeinander verlassen
können muss, gehört dazu, Rede und Antwort zu stehen, wenn man den Spiegel vorgehalten kriegt. Manchmal ist das nicht so schön, aber es ist immer wichtig.

Was sind die größten Herausforderungen?
Wahrscheinlich ist gerade in Männerfreundschaften das Konkurrenzdenken nicht zu
unterschätzen. Aber es geht letztendlich doch mehr um das gemeinsam Erlebte als um
den Sieg. Natürlich wollen wir alle gewinnen, das ist klar. Ich glaube, das steckt in uns
drin.

Kennst du selbst so etwas wie spielerische Konkurrenz unter Freunden, Challenges, wer sich was traut?
Eine Freundschaft lebt von dem, was man zusammen anpackt. Man muss einfach machen
und wenn der andere den Hintern nicht hochkriegt, ihn einfach packen, mitnehmen und etwas zusammen erleben. Das, was da an Erlebnissen und gemeinsamen Erfahrungen entsteht, über die man später lachen und reden kann – das ist das Wichtigste. Das ist der Kitt.

Du warst ja auch mal Türsteher und Model. Hast du aus dieser alten Zeit noch Freundschaften, die andauern?
Ich habe sogar noch Freunde aus dem Kindergarten und sogar gute Freunde aus meiner
Jugend und wilden Punkzeit, das ist schön zu sehen. Das ist das Besondere an Freundschaft: zu sehen, wie der andere sich weiterentwickelt, und trotzdem in dem Moment, in dem man sich trifft, wieder der alte Kumpel zu sein. Das ist toll.

Betrachtest du deine Zeit als Punk oder als Türsteher auch als erfolgreich?
Ich glaube ja. Wenn das alleinige Ziel der Erfolg ist, ist das nicht gut. Erfolg sollte Resultat
einer Überzeugung sein, einer Liebe, einer Passion, und das ist wichtiger als der Erfolg an sich. Es gibt den Erfolg, den wir selber spüren und als Erfolg wahrnehmen, und es gibt den Erfolg, der draußen mit Preisen, Quoten und Zuspruch messbar ist. Aber man darf sich davon nicht abhängig machen. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man etwas mit Leidenschaft tut und dass man überhaupt was tut. Wer nichts tut, kann nicht erfolgreich sein. Aber wie gesagt: Das Ziel darf nicht sein, nur erfolgreich zu sein, sondern glücklich.

Wie gehst du mit Niederlagen um?
Wir sind lebendige Wesen. Manchmal merkt man, dass die Niederlage viel wichtiger für
einen bestimmten Schritt der eigenen Entwicklung war als ein kurzlebiger Erfolg. Die Niederlage ist ein ganz wichtiger Begleiter. Sie ist quasi die andere Seite der Medaille und wir müssen beide kennen. Deswegen sind Niederlagen ganz wichtig zum Weiterkommen, zum Weitermachen und auch, um zu prüfen, ob die Passion, die Leidenschaft, die man hat, wirklich wahrhaftig ist, ob sie echt ist, ob sie raus will, ob sie dir etwas bedeutet. Das erfährst du meistens erst in der Niederlage.

Welches waren deine prägenden Niederlagen, die du nicht missen möchtest?
Ich bin vom Naturell her jemand, der schnell versucht, in der Niederlage eine Chance zu sehen. Vergossene Milch – da bin ich keiner, der dem ewig lange nachtrauert. Natürlich kann es auch Schicksalsschläge geben, die wir als Niederlage empfinden, die sich aber als ganz wichtiges Ereignis fürs Weitermachen entpuppen.

Die legendäre Tante Jolesch hat gesagt: „Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is ein Luxus.“ Wie wichtig ist dir Aussehen? Sollte ein echter Mann überhaupt schön sein?
Die Frage würde ich mal gerne dem Affen stellen. Ich weiß es gar nicht. Schönheit ist auch etwas so Subjektives, wie Zeit oder wie Alter. Da möchte ich mich gar nicht festlegen. Schönheit ist das, was wir empfinden, wenn wir etwas anschauen oder wenn wir jemandem gegenüberstehen. Dann empfinden wir denjenigen als schön oder wir finden eine Sache schön, eine Gelegenheit schön. Ich glaube, „zu schön“ gibt es nicht. Ich glaube, das ist eine Worterfindung.

Wie wichtig ist Schönheit bei anderen Menschen?
Dazu muss ich auch kurz ausholen, denn es gibt ja eine innere Schönheit und eine äußere. Eine äußere Schönheit wird relativ schnell als Hülle entlarvt und an einer Hülle bin ich
nicht interessiert. Ich bin auf der anderen Seite aber auch Ästhet. Das heißt, die Hülle ist
nicht völlig egal, aber es ist halt eine Hülle, die sich um etwas formt, was vielleicht noch
viel schöner ist als das Äußere.

Hast du je im Leben einen Punkt gehabt, wo du in den Spiegel geschaut und gesagt hast: „Oje, das sieht ja alt aus“?
Ja. Das habe ich schon. Das ist das Lustige. Weil ich jetzt 50 wurde. Das Alter ist plötzlich
ein Thema für alle drum herum. Für mich nicht.

Vor langer Zeit galt es beinahe als unschick, als Mann Cremes zu verwenden. Gut, dass sich das verändert hat?
Ich finde ja nicht, dass ein Mann Beauty-Produkte unbedingt verwenden muss. Aber wir pflegen alles um uns herum – die Kinder, das Auto, den Garten, den Haushalt. Pflege ist in erster Linie Erhalt. Ich möchte ja nicht anders aussehen, sondern mich einfach weiter erhalten.
Das ist für mich der Ansatz von Pflege. Viele Männer wissen gar nicht, dass eine Haut ein
Organ ist. Das größte Organ, das wir haben, das atmet und geschützt werden muss. Sonnencreme ist von allen akzeptiert, aber es gibt immer noch Männer, die mit allem anderen fremdeln. Das finde ich ulkig. In meinem Beruf ist das natürlich wichtig. Nicht, um jünger auszusehen, sondern um sich wohlzufühlen.

Hast du als Hausbesetzer auch schon so gedacht?
Nein, man verlässt sich lange auf seine biologischen Ressourcen. Manchmal zu lange.
Weil auch viele, muss ich zugeben, schlechte Erfahrungen gemacht haben als Kinder.
Wenn du eingecremt wurdest mit fünf, so richtig von den Eltern eingematscht, da behält
man wohl ein Trauma. Natürlich habe ich eine andere Auseinandersetzung mit Produkten
durch meinen Beruf. Denn irgendjemand pinselt immer an mir rum oder macht irgendwas.

Du giltst als einer der coolsten Hunde Deutschlands. Was bringst du deinen Kindern bei? Was muss man heute Kiddies an Lebensweisheiten mitgeben?
Also die haben sich, glaube ich, nicht groß geändert. Bloß etwas schwerer durchzusetzen.
Auch für die Kinder selbst. Selbstbewusstsein zu haben, das von innen kommt, aus der
eigenen Leistung kommt und sich nicht von äußeren Meinungen abhängig macht.

Klingt gut!
Wichtig ist, dass die Kinder nach ihrer eigenen Freiheit verlangen. Und wissen, dass
andere diese Freiheit auch haben und haben müssen. Und meine wichtigste Sache, die sie wissen müssen: dass das Leben an sich schön ist. Terror hin, Krise her, man darf sich nicht einreden lassen, dass es nicht lebenswert sei. Kinder sind der Inbegriff von Freude – und
diese sollen sie so lange wie möglich, am besten ewig, erhalten. Das wäre ein großes Ziel.

Matschst du die mit Creme ein?
Klar, ich matsche die auch ein mit Creme. Aber ganz ehrlich: Wenn ich merke, dass die raue Haut haben, schaue ich natürlich auch, dass die Ernährung passt, dass sie genug trinken. Natürlich wird eingecremt, aufgrund meiner eigenen Erfahrung aber ein anderes Produkt
benutzt, das nicht so fies matscht wie früher bei mir.

Wie blickst du auf deine eigene Karriere als Model zurück?
Ich habe Supererfahrungen gemacht. Damals war es aber auch lustig – erste Erkenntnis war,
je kaputter du aussahst, umso besser war es. Das galt für Mailand und Paris. Und es war eine gute Schule für das Selbstbewusstsein. Das geht da ja zack, zack, zack. Nächster, nächster. Die gucken dich nicht mal richtig an. Da braucht man ein dickes Fell. Das kann man da gut trainieren. Ich war dann eher als Typ gefragt, habe Werbung gemacht, tatsächlich auch Geld verdient. So bin ich an die Schauspielerei gekommen. Über das bewegte Bild, Werbespots.

Und man kommt gut rum in der Welt!
Und trifft tolle Leute! Mit einigen habe ich nach wie vor Kontakt – mit denen, die das auch nicht so ernst genommen haben. Es sind auch absurde Erinnerungen, die ich da habe, etwa an
San Francisco. Da fiel bei einem mehrtägigen Shooting der Strom aus und wir mussten vier Tage Sushi essen, weil nicht warm gekocht werden konnte. Seitdem esse ich das auch nicht mehr sooo gerne.

Du kamst ohne Schauspielausbildung zum Film. Hattest du eine Art Mentor?
Moritz Bleibtreu zum Beispiel war schon ein Superstar, als ich mit ihm meinen ersten Film
gemacht habe: „Das Experiment“. Der stand mir mit Rat zur Seite. Ich habe früh gemerkt,
dass jeder das auch für sich selbst herausfinden muss und auch seinen Weg herauskriegen muss. Ich hatte nie Idole oder Vorbilder. Und auch keinen Plan. Außer meiner eigenen Stimme zu folgen. Ich funktioniere nach dem Lustprinzip, da macht man eigentlich nichts falsch.

Ich wurde bei der Bundeswehr ausgemustert, du warst bei den Fallschirmjägern – habe ich was verpasst?
Ich habe da tatsächlich viel gelernt. Etwa mal die Schnauze zu halten. Das war für mich als
jemand, der alles besser wusste, eine wichtige Erfahrung. Ich komme zwar aus einer Großfamilie, aber in der großen Gruppe, in der Gemeinschaft zu leben, war dennoch toll und neu. Ich hatte großes Glück, weil ich in einem wirklich tollen Verband gelandet bin. Mit Leuten, bei deren Kindern ich heute Patenonkel bin. Gerade Fallschirmspringen, zusammen aus dem Flugzeug zu hüpfen, macht schon etwas mit einem. Das schweißt auf eine ganz besondere Art zusammen, weil es eben doch eine Situation der Todesnähe ist.

Was denkst du eigentlich, wenn du heute einen Punk siehst?
Natürlich erinnert mich das erst mal an mich zu Punkzeiten, klar bin ich da fast eher nostalgisch. Zumindest bis ich sehe, dass die heute Smartphone haben. Punk ist heute sehr in der Modewelt angekommen – Haare färben, Irokesenschnitt, zerrissene Klamotten, Sicherheitsnadeln. Zu der Zeit, als ich Punk war: Mode ein No-Go, deswegen hat man es ja gemacht – weil es so anti war. Heute ist das in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Als du nach Berlin gezogen bist, ein Haus besetzt und einen Club eröffnet hast, war ich zwei Jahre alt. War das Berlin jener Zeit das bessere Berlin?
Diese Techno-Zeit war immens, die Musik, die keine war, die keiner verstanden hat. Es waren nur ein paar Hansel bei der ersten Loveparade am Kuʼdamm. Ich fand es toll, Teil von etwas zu sein, wo wirklich etwas Neues beginnt. Damals galt: „Alles ist möglich.“ Als wäre gerade ein Krieg zu Ende gegangen, an dem wir gar nicht teilgenommen haben. Du hast in Berlin neue Orte kennengelernt, neue Bezirke, die gar nicht kartografiert waren. Diese Aufbruchsstimmung fand ich ganz großartig und natürlich war der Mauerfall selbst ein Lebensereignis. Das wird es so nicht noch mal geben.

In Kooperation mit LʼOréal Men Expert