Heimatkunde mit Ellen von Unwerth
02. Oktober 2017
12 Uhr

Holterdipolter an die Weltspitze: Ellen von Unwerth gehört zu den international gefeierten deutschen Starfotografen. Doch im vergleich zu Peter Lindbergh, Jürgen Teller oder Martin Schoeller ist Ellens Arbeit leicht, lustig und voller Ironie. In ihrem neuen Fotoband feiert sie mit großem Augenzwinkern den Begriff „Heimat“, den sie selbst als Waisenkind, Zirkusartistin und Kommunenbewohnerin nie wirklich verinnerlicht hat, wie sie mir in unserem launigen Gespräch erzählt.

 

SL: Ellen von Unwerth – was für ein Name! Man denkt sofort an eine goldglänzende Kindheit, mit Schloss und eigenem Tennpisplatz…. dabei bist Du im Waisenhaus aufgewachsen. War es dennoch eine schöne Kindheit für dich?

EvU: Schön kann man nicht wirklich sagen. Es war ein bisschen Holterdiepolter (lacht). Ich hatte drei verschiedene Pflegeeltern und bin von einem Ort zum anderen. Aber irgendwie habe ich mich immer über Wasser gehalten. Und hatte dabei stets gute Laune. Durch meine sonnige Persönlichkeit, konnte ich immer darüber hinweg kommen, auch wenn es ab und zu schwer war. Eine harte Kindheit macht einen stark und dann durfte ich auch schon mit 16 alleine wohnen.

 

SL: Hat es dir gut getan so früh alleine zu leben? Warst du bereit dafür?

EvU: Ja, auf jeden Fall. Zu der Zeit war ich bei Pflegeeltern mit denen ich mich überhaupt nicht verstanden habe, ich hatte überhaupt keine Freiheit. Im Jugendamt haben sie mich dann gefragt, wo ich wohnen möchte und ich habe auf eine Landkarte in Bayern mit meinem Finger gezeigt: „Da möchte ich wohnen.“ Das war in Oberstdorf, dort durfte ich mir eine Wohnung nehmen und habe dort alleine gewohnt. Außerdem habe ich in einer Kommune gelebt, Hippie Zeit eben. Da habe ich mich wirklich frei gefühlt und das Leben genossen.

 

SL: Ist das Allgäu so etwas wie Heimat für Dich?

EvU: Nicht unbedingt, weil ich da ja nicht aufgewachsen bin. Ich kam erst hin, als ich zwölf war, aber ich habe eine Zeit lang schöne, vielleicht eine meiner schönsten Zeiten, dort verbracht und eben meine Jugend, zwischen zwölf und 18. Ich habe wirklich sehr, sehr schöne Erinnerungen. Ich sage aber gerne: „I´m like a Rolling Stone, where I put my head is my home.“ Ich liebe es zu reisen, ich liebe es in Paris zu sein, in New York und in Berlin. Jetzt das Buch zu machen, war für mich irgendwie ein Teil davon meine Jugend zu verarbeiten, weil ich damals dieses bayrische gar nicht so gelebt habe. Ich bin so rebellisch, gegen das Konservative. Erst jetzt, seitdem ich schon lange von dort weg bin, kann ich damit umgehen, es irgendwie lieben und eben auch zeigen, deswegen habe ich dieses Buch gemacht.

 

SL: Du hast in deiner Jugend im Zirkus Roncalli gearbeitet, dort ist ja Heimat auch eher das Vagabundenleben. Hast du das von dort mitgenommen, diesen Drang ständig unterwegs zu sein?

EvU: Als ich klein war und man mich gefragt hat: „Was möchtest du werden?“ habe ich immer gesagt: „Ich kann mich nicht entscheiden zwischen Zigeunerin und Prinzessin.“ Es ist bei mir eben ein bisschen beides dabei. Ich meine, damals als ich den Zirkus gesehen habe, war ich so begeistert davon, dass ich sofort zu André Heller gegangen bin und gesagt habe: „Ich möchte da mitmachen!“ Er hat mich angeguckt und gesagt: „Ja, du siehst auch aus wie ein Zirkusmädchen, du kannst morgen anfangen.“  Und das hat mich sehr in meiner Arbeit über die Jahre hin beeinflusst. Immer das Skurrile, das Magische, das Glitzern und die Performance.

 

SL: Jetzt hast du dich dem Thema Heimat fotografisch genähert. Was bedeutet Heimat für dich?

EvU: Das ist eigentlich ein bisschen ironisch, es auch Heimat zu nennen, weil das meine Art von Heimat ist. Ich meine, die Mädchen, das barocke, überspitzte, und lustige. Heimat ist nicht so ernst zu nehmen. Es ist eher eine Parodie von Heimat, würde ich sagen. Und das war eigentlich die Idee.

 

SL: Mit dem Wort Heimat wird gerade viel Schindluder in der Politik getrieben, hast du das in deine Arbeit mit rein genommen?

EvU: Nein, ich wollte da überhaupt nichts Politisches mit rein nehmen. Das hat damit nichts zu tun, meine Welt ist eine Fantasiewelt, das ist eine Frauenwelt, da halte ich mich raus. Ich meine, ich habe natürlich meine politischen Ansichten, aber das würde ich nicht in meine Arbeit mit rein bringen, auf jeden Fall nicht in diese.

 

SL: Sind das alles deutsche Frauen in der Ausstellung?

EvU: Es ist nur ein deutsches Mädchen mit dabei und die leider nur von hinten
In diesem Fall habe ich eher nach vollbusigen Mädchen gesucht, die lustig sind, nicht verklemmt und etwas provokant sein können. Es kommt immer auf meine Geschichten an, die ich erzählen will.

 

SL: Wenn du so ein Motiv planst, hast du das schon fertig im Kopf oder passiert da viel spontan vor Ort?

EvU: Ich habe das natürlich schon im Kopf. Wir haben die Locations ausgesucht und wir waren dreimal in Bayern. Ursprünglich wollten wir die vier Jahreszeiten in Bayern machen. Das war eigentlich auch so geplant, da waren wir dann aber im Herbst dort und im Herbst hat es geschneit, im Winter gab es keinen Schnee und im Sommer hat es geregnet und es war neblig, da habe ich gesagt: „Okay, lasst uns das vergessen, lasst uns einfach so eine Reise durch das ganze Jahr durch machen.“ Und daraufhin haben wir Locations, wie die Bauernhäuser, gebucht. Ich sage den Mädchen schon, was sie machen sollen, aber ich liebe es wenn sie Persönlichkeit haben, einfach vor der Kamera spielen können und das einfach locker und lebendig wird.

 

SL: Die Frauen in deinen Bilder sind immer irre edgy, sexy und haben enormen Ausdruck. Wie kitzelt man all das aus den Models heraus?

EvU: Erstens suche ich schon Mädchen die frech sind und einen kleinen Teufel in sich tragen. Das Casting ist das wichtigste, wenn du ein Mädchen hast, die scheu ist oder keine Lust auf solche Fotos hat, dann kommt man gar nicht weiter. Aber ich habe da ziemlich gute Erfahrungen über die Jahre gemacht, wie ich meine Mädchen aussuche. Und dazu bin ich mit vielen befreundet und wir wollten ja nicht, wie gesagt, den bayrischen Traum aufleben lassen, sondern wir wollten es sehr Rock n‘ Roll und ein bisschen edgy machen, das ist ja auch eher meine Persönlichkeit. Wie zum Beispiel Miss Russia, auch hier in dieser Ausstellung, sie hat viel Wodka aus Russland mitgebracht. Die eine oder andere hat ja recht wenig an, da hat man schon mal einen kleinen Schnaps gebraucht.

 

SL: Wie lange hast du an dem Buch und der Ausstellung gearbeitet?

EvU: Wir haben über ein Jahr daran produziert. Ein Jahr lang, ich bin drei Mal nach Bayern gefahren in verschiedene Dörfer und wir haben dreimal drei Tage geschossen. Mit Vorbereitung und langer Zeit für die Bearbeitung. Ich hatte dann schon sehr, sehr viele Fotos und das dauert. Eigentlich hat es drei, vier Jahre gedauert, bis das Buch endlich fertig war.

 

SL: Gibt es neue Projekte oder arbeitest du schon wieder an einem neuen Buch?

EvU: Das kann ich noch nicht ganz verraten, aber ich arbeite an einem Film, das ist sehr aufregend. Ich liebe die Bewegung und ich liebe es, Geschichten zu erzählen.

 

SL: Du lebst in Paris und New York – wie betrachtest du Deutschland aus der Ferne?

EvU: Ich sehe mich jetzt nicht unbedingt als Deutsche. Ich bin eigentlich eher überhaupt nicht nationalistisch, eher Citizen of the Universe. Aber ich komme halt sehr gerne wieder zurück. Wir haben ja jetzt auch wieder eine Wohnung in Berlin. Ich liebe Berlin und finde die Stadt so aufregend und so toll. Es hat sich sehr verändert. Ich meine, es ist moderner geworden und meine Musik im Radio hat sich verändert. Ich finde das unglaublich, wie die Deutschen immer zu der alten Musik zurückkehren, immer noch Rod Stewart, immer diese alten Lieder im Radio. Aber jetzt letztlich ist es schon viel besser geworden. Es ist auch etwas Nettes daran, so ein heimatliches Gefühl, wenn man diese alten Schnulzen von früher noch hört. Aber, auf jeden Fall, hat sich schon sehr viel verändert.

 

SL: Gab es in den Jahren Persönlichkeiten, die dich sehr geprägt haben, die deine Arbeit beeinflusst haben, die deinen Lebensweg vielleicht auch verändert haben, die dich motiviert haben, das zu machen, was du machst?

EvU: Von Anfang an war ich immer Helmut Newton-Fan. Ich habe seine Bilder immer geliebt und er hat mich auch beeinflusst. Auch Jacques-Henri-Lartigue, der Fotograf und natürlich habe ich so viele tolle Musiker und Schauspieler fotografiert, die mich jedes Mal beeinflussen. Von Madonna und Rihanna bis Beyonce und Sharon Stone. Ich habe ich sie alle fotografiert und natürlich prägt das einen jedes Mal. Es ist schon ein sehr aufregender Beruf. Ich würde auf keinen Fall etwas anderes machen wollen.

 

SL: Gab es mal ein kleines Missgeschick, das dir in Erinnerung geblieben ist? Etwas das anders gelaufen ist als man gedacht hätte, aber dann vielleicht trotzdem etwas Gutes daraus entstanden ist?

EvU: Oh ja, und zwar gleich das Bild, das gerade hinter mir hängt. Weißt Du, Kuhfladen sind ehr rutschig. Und es gab sehr viele davon auf der Wiese, wo wir das Bild geschossen haben. Sie ist auf einer völlig ausgerutscht (lacht).

 

Ausstellung in München: 15. September – 11. November 2017; Ort: Immagis Fine Art Photography, Blütenstraße 1, 80799 München